Erinnerungen
Braune Augen, die mich durch eine Glasscheibe anstrahlen. Das breiteste Grinsen, was er aufbringen konnte. Ich kann mich noch gut an das Geräusch erinnern, dass er dabei gemacht hat. Das Schnalzen mit der Zunge. Wär er hier, würde er sagen: “Kleines, schau nicht so traurig. Ist doch alles gut.” Seine Stimme hallt in meinem Kopf. Ich leg das Bild beiseite und schüttel den Kopf. “Du fehlst mir.”
Er war 19, als er starb. Ein Autounfall, bei dem er und seine Freundin verbrannten. Inzwischen sind 5 Jahre vergangen, doch es durchzieht mich immernoch wie ein Stromschlag, wenn ich an der Unfallstelle vorbei fahre. Es ist schwer, nicht daran zu denken. Wir sind in der Unfallnacht direkt daran vorbei gefahren. Doch man konnte nichts sehen. Der große Schock kam dann am nächsten Tag. Ich weiß noch wie mein Vater sagte: “Es war R. Er und J. kamen von der Straße ab, prallten gegen einen Baum und das Auto fing Feuer. Sie hatten beide keine Chance.” Für mich war es schwer zu verstehen, denn mit dem Thema “Tod” hatte ich mich noch nie auseinander gesetzt. Das jemand so plötzlich aus meinem Leben gerissen wurde, war ein ganz neues Gefühl und ich war zu jung, als dass ich wissen konnte, wie man damit umgeht. Eine große Hilfe waren meine Eltern. Sie halfen mir zu begreifen. Ausserdem fing ich an, viel zu lesen. Über den Tod und über Verlust. Es half mir, mich in Worten von anderen wieder zu finden. Ich konnte dadurch viel besser damit umgehen, denn ich folgte einfach den Ratschlägen, die ich überall bekam.
Ich war der Meinung, dass ich R. noch so viel von mir hätte erzählen müssen, doch er war nicht mehr da. Zumindest nicht direkt. Also besuchte ich mehrmals in der Woche sein Grab, legte ein Gänseblümchen darauf und fing an zu erzählen. Manchmal erzählte ich Stundenlang und ich hatte wirklich das Gefühl, er könnte mich verstehen. Er würde zuhören, obwohl er ein paar Meter unter der Erde lag. In dieser Zeit war R. mir näher als je zuvor. Ich hoffte, er würde irgendwann mal auf mich herab sehen und stolz sein. Stolz darüber, was aus seiner “Kleinen” geworden ist. Es gibt immernoch Tage, an denen ich einfach nur da sitz und an ihn denke. Und egal, wie viele Jahre noch vergehen, fehlen wird er immer.
Nicole Sauerbier